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ALS- und Motoneuron - Ambulanz
Ltd. Arzt: Prof. Dr. M. Tegenthoff

ALS-Register

ALS-Register Nordrhein-Westfalen

Das ALS-Register-NRW stellt ein bevölkerungsbasiertes Register dar, mit dessen Hilfe alle Patienten in Nordrhein-Westfalen, die an einer Amyotrophen Lateralsklerose erkrankt sind, erfasst und im klinischen Verlauf nachverfolgt werden sollen.
Hierdurch soll es möglich sein, eine epidemiologische Untersuchung zur Inzidenz, phänotypischen Varianz, Prognose, der regionalen Verteilung der ALS sowie der Abschätzung von Risikofaktoren in der nordrhein-westfälischen Bevölkerung durchzuführen. Entsprechende Erhebungen werden in Deutschland seit längerer Zeit in Rheinland-Pfalz und seit kurzem auch in Ulm für Schwaben durchgeführt. Langfristige Ziele sind ein deutschlandweites Register sowie eine europäische Harmonisierung entsprechender Erhebungen.
Entscheidend für den Erfolg solcher bevölkerungsbasierten Register ist die möglichst vollständige Erfassung aller ALS-Patienten in einer definierten Region. Daher sind wir wesentlich auch auf die Mitarbeit von Patienten angewiesen, die Ihre behandelnden Neurologen z. B. auf dieses Register aufmerksam machen können.
Um den Aufwand der Kollegen so gering wie möglich zu halten, erfolgt die Erhebung in einem web-basierten Formular (unter www.alsregister.de). Ärzte müssen sich hierzu bei der Ersteingabe registrieren. Für weitere Fragen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung: alsregsiter@rub.de.
Das Vorhaben ist mit der Deutschen ALS-Gruppe abgestimmt worden, in die Planung und Durchführung ist zudem die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke DGM e.V. eingebunden.


Hintergrund

Die Amyotrophe Lateralsklerose gehört auf Grund der relativ niedrigen Inzidenz mit 1 bis 3 auf 100.000 (1) zu den seltenen Erkrankungen („orphan diseases“). Etwa 10% der Patienten mit einer ALS weisen eine familiäre Form mit unterschiedlichen Vererbungsmustern auf. Die sporadische Form ist klinisch hiervon nicht zu unterscheiden.
Im Jahre 1993 gelang es erstmals eine verantwortliche Mutation im sog. SOD1-Gen nachzuweisen (2). Seither sind weitere Gene entdeckt worden, die insgesamt für etwa 10-20% der familiären Form der ALS (fALS) verantwortlich sind. Der Mechanismus der Motoneurondegeneration ist bis heute jedoch weiterhin weder für die familiäre Form noch für die sporadische Form bekannt.
Die Hoffnung, mit den Erkenntnissen aus einem Tier-Modell der ALS, neue Therapieansätze entwickeln zu können, haben sich ebenfalls nicht bestätigt. Ausnahmslos alle Substanzen, die im Tier-Modell erfolgversprechende Ergebnisse lieferten, konnten keine signifikante Verringerung der Krankheitsprogression oder Verlängerung der Überlebenszeit in den entsprechenden Patientenstudien nachweisen (3). Die Ursachen hierfür sind vielfältig, eine entscheidende Rolle spielt jedoch wahrscheinlich die große phänotypische Varianz der Erkrankung. So ist es möglich, verschiedene Gruppen mit einer spezifischen phänotypischen Ausprägung (z. B. die progressive Bulbärparalyse (PBP), die progressive Muskelatrophie (PMA), die primäre Lateralsklerose (PLS)) als Varianten der klassischen Form der ALS zu beschreiben.
Neben der Intensivierung der Grundlagenforschung ist es daher wichtig auch die patientennahe, klinische Forschung auszubauen. Mit der Erhebung epidemiologischer Daten ergibt sich die Möglichkeit, eine Vielzahl von drängenden Fragen zu untersuchen. So wurde eine möglicherweise ansteigende Inzidenz der ALS in der Vergangenheit mehrfach diskutiert, konnte jedoch bisher nicht belegt werden, z.B. (4) und ist evtl. eher auf eine verbesserte Diagnosestellung und Betreuung der Patienten zurückzuführen. Andere Beobachtungen wie das gehäufte Auftreten der ALS in der fünften und sechsten Lebensdekade, eine gewisse Geschlechtsbetonung der Männer in der Vergangenheit und eine Verschiebung zu Ungunsten der Frauen (5) sind interessant und sollten weiter untersucht werden. Welche Rolle Umwelteinflüsse jeglicher Art in der Ätiopathogenes der ALS spielen und ob bestimmte Risikofaktoren definiert werden können, ist ebenfalls  Gegenstand der Diskussion in den letzten Jahrzehnten, ein einheitliches Bild ergibt sich bisher jedoch nicht (z.B. (6)). Ein weiterer interessanter Aspekt ist die ausgesprochene phänotypische Variabilität der ALS mit unterschiedlichem Ort der Erstmanifestation, unterschiedlicher Betonung der klinischen Manifestation im Bereich der zentralen oder peripheren Motoneurone, unterschiedlicher Dynamik der Progression der Motoneurondegeneration und unterschiedlichem Alter der Patienten bei Erstdiagnose.

Ein bevölkerungsbasiertes Register mit vollständiger Erhebung aller ALS Patienten in der nordrhein-westfälischen Bevölkerung soll  somit in erster Linie folgende Punkte untersuchen:
1) die phänotypische Varianz der Erkrankung.
2) zeitliche und regionale Verteilung sowie Veränderungen der Erkrankung.
3) Inzidenz und Prävalenz der ALS.
4) Rolle des Alters der Patienten zu Beginn und im Verlauf der Erkrankung.
5) Geschlechtsbetonung und ob sich diese bei den unterschiedlichen phänotypischen Varianten unterschiedlich darstellt.
6) Identifizierung von Umwelteinflüssen, die die Entwicklung einer ALS begünstigen
7) Abschätzung von Risikofaktoren.

Ältere internationale Daten aus bevölkerungsbasierten Registern, krankenhausbasierten Studien oder Fall-Kontroll Studien stammen z.B. aus Dänemark, Norwegen, Finnland, Schweden, Italien, England, Schottland, Irland, Neuseeland und den USA. Die größte untersuchte Population betrug hierbei etwa 5 Millionen Einwohner. In Nordrhein-Westfalen soll nun ein Register entstehen, das eine Population von etwa 18 Millionen Einwohnern abbildet. Bei einer angenommenen Inzidenz von 2/100.000 Einwohner sind somit in Nordrhein-Westfalen ca. 360 neu erkrankte ALS-Patienten pro Jahr zu erwarten.


1.    Chancellor AM, Warlow CP. Adult onset motor neuron disease: worldwide mortality, incidence and distribution since 1950. J Neurol Neurosurg Psychiatry 1992;55:1106-1115.
2.    Rosen DR. Mutations in Cu/Zn superoxide dismutase gene are associated with familial amyotrophic lateral sclerosis. Nature 1993;364:362.
3.    Dragunow M. The adult human brain in preclinical drug development. Nat Rev Drug Discov 2008;7:659-666.
4.    Sorenson EJ, Stalker AP, Kurland LT, Windebank AJ. Amyotrophic lateral sclerosis in Olmsted County, Minnesota, 1925 to 1998. Neurology 2002;59:280-282.
5.    Incidence of ALS in Italy: evidence for a uniform frequency in Western countries. Neurology 2001;56:239-244.
6.    Mitchell JD. Amyotrophic lateral sclerosis: toxins and environment. Amyotroph Lateral Scler Other Motor Neuron Disord 2000;1:235-250.