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Symptomische Therapie der ALSFaszikulationen & Muskelkrampi Faszikulationen können im Rahmen der ALS auftreten, werden aber nur teilweise von den Patienten als unangenehm und nur selten als schmerzhaft empfunden. Ein Therapieversuch z.B. mit Gabapentin (z.B. Neurontin®) in aufsteigender Dosierungen ist bei einer Beeinträchtigung des Patienten gerechtfertigt (Beginn mit 3x100 mg und Steigerung auf z. B. 3x600mg/Tag). Die Ausprägung der Faszikulationen verändert sich im Krankheitsverlauf und nimmt häufig im Verlauf ab. Muskelkrämpfe (Crampi) treten ebenfalls häufig bei Patienten mit einer ALS auf, sind jedoch wie die Faszikulationen nur ein sehr unspezifisches Symptom. Bei häufigem Auftreten mit subjektiver Beeinflussung kann ein Therapieversuch mit Magnesium, Chinin (z.B. Limptar®), sowie „membranstabilisierenden“ Medikamenten (wie z. B. Gabapentin oder Pregabalin) erfolgen. Nach einer Meta-Analyse (amerikanischen Akademie für Neurologie (AAN) in der Zeitschrift „Neurology“ vom Februar 2010) zeigt Chininsulfat (Limptar N®) die beste Wirkung und wird daher regelmäßig auch bei anderen Nerven- und Muskelerkrankungen empfohlen, jedoch stellt sich die Kostenübernahme durch die Kostenträger zum Teil schwierig dar. Bei einer empfohlenen Dosis von 200 mg zweimal pro Tag ergeben sich Monatstherapiekosten von ca. 32€. Limptar N ist ohne Rezept in Apotheken erhältlich. Auf der anderen Seite ist die Anwendung von Chininsulfat gegen "nächtliche Wadenkrämpfe" wegen des Auftretens von Thrombozytopenien und damit in Verbindung gebrachter Todesfäle seit einigen Jahren in Australien und Neuseeland nicht mehr zugelassen. Auch die FDA hat 2009 erneut vor der Anwendung in dieser nicht mehr zugelassenen Indikation gewarnt und die englische Arzneimittelbehörde hat im Juni 2010 die Anwendung von Chininsulfat in dieser Indikation erheblich eingeschränkt. Interessanterweise gelang für Magnesium kein Wirksamkeitsnachweis für die Behandlung von Muskelkrämpfen. Aufgrund der geringen Kosten und des unproblematischen Nebenwirkungsprofils ist ein Therapieversuch mit Magnesium zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch weiterhin gerechtfertigt und gilt unverändert als Therapiestandard. Die Sialorrhoe (Vermehrte Speichelmengen im Mund, z. T. mit Austreten aus dem Mund) tritt mit Auftreten einer Schluckstörung auf und belastet die Patienten häufig sehr stark. Neben der gesundheitlichen Gefährdung durch Aspiration des Speichels führt der Speichelverlust aus dem Mund zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität durch regelhafte Verdreckung der Kleidung, die Notwendigkeit ständig Taschentücher zu benutzen und die deutliche Stigmatisierung der Patienten. Aus palliativmedizinischer Sicht ist die Behandlung der Sialorrhoe daher in der Regel indiziert und wichtig. Bei unzureichender Wirkung insbesondere im Verlauf der Erkrankung kann als Alternative oder als Ergänzung der oralen Medikation eine lokale Applikation von Botulinumtoxin Typ A (BoNT-A: Dysport®, Botox® oder Xeomin®) in die Speicheldrüsen erfolgen. Hierzu erfolgt eine ultraschallgesteuerte Injektion in die Ohrspeicheldrüse (Glandula parotis) sowie hauptsächlich in die Speicheldrüse unterhalb des Unterkiefers (Glandula submandibularis). Die sog. chemische Denervierung der Speicheldrüsen führt zu einer Verringerung der Speichelproduktion für etwa 3-4 Monate. Auf Grund der Möglichkeit einer Schwächung auch der Kau- und Schluckmuskulatur sollte eine Behandlung nur in spezialisierten Zentren nach ausführlicher Aufklärung durchgeführt werden. In unserer Klinik werden Patienten in der Regel erst nach Anlage einer Magensonde (PEG) entsprechend behandelt. Darüberhinaus muss vor der ersten Behandlung eine Kostenzusage des Kostenträgers vorliegen, da es sich um einen sog. „Off-label-use“ handelt. Insgesamt steht aber mit der lokalen BoNT-Injektion eine sehr wirkungsvolle und nebenwirkungsarme Therapie zur Verfügung, die uneingeschränkt empfohlen werden kann, wenn die Voraussetzungen gegeben sind. Eine Behandlung ist lediglich 3-4 mal/Jahr erforderlich. Eine Strahlentherapie der Ohrspeicheldrüse halten wir nur in Ausnahmefällen für eine Alternative, da es hierbei, im Gegensatz zur BoNT-Injektion, zu einer endgültige Schädigung der Speicheldrüsen kommt und die Gefahr einer zu ausgeprägten Reduktion der Speichelproduktion besteht. Darüber hinaus liegen nur unzureichende Daten über diese Therapie vor, so dass die Strahlentherapie bisher noch keine etablierte Behandlungsmethode bei der ALS darstellt.
Durch eine Schwäche der Kau- und Schlundmuskulatur kommt es zu einer Schluckstörung (Dysphagie). Ursache ist eine Degeneration der motorischen Neuronen im Hirnstamm (bulbäre Symptomatik) oder in übergeordneten Bereichen (pseudobulbäre Symptomatik). Häufiges Initialsymptom einer Bulbärsymptomatik ist das Verschlucken an Flüssigkeiten. Bei einer manifesten Beeinträchtigung der Lebensqualität durch die Dysphagie empfehlen wir bereits in einer frühen Phase die Anlage einer Ernährungssonde (perkutane endoskopische Gastrostomie = PEG). Ziel hierbei ist es, den Patienten eine Nahrungsaufnahme über den Mund als sog. „Genuss-Essen“ so lange wie möglich zu ermöglichen, unabhängig von der erforderlichen Ernährung, die zu Beginn zu einem kleinen Teil und später evtl. nahezu ausschließlich über die PEG erfolgen kann. Über die PEG erfolgt die Nahrungsaufnahme unter Umgehung des oralen Weges direkt in den Magen. Eine krankengymnastische Behandlung stellt die Grundlage der Paresen-Behandlung bei der ALS dar. Eine spezielle Krankengymnastik zur Behandlung der ALS wurde bisher jedoch nicht entwickelt. Zu empfehlen ist eine regelmäßige (2 bis 3 mal pro Woche) krankengymnastische Übungsbehandlung auf neurophysiologischer Basis durch eine Neurophysiologische Praxis, die sich mit der Behandlung von neurologischen Krankheitsbildern gut auskennt. Spezielle Erfahrungen mit der ALS sind von Vorteil, jedoch nicht zwingend erforderlich. Vorrangiges Ziel der Physiotherapie ist der Funktionserhalt der noch intakten Muskulatur sowie der bereits betroffenen Muskulatur. Darüberhinaus dient sie der Prophylaxe von Komplikationen wie Schmerzen, Kontrakturen (Sehnenverkürzungen), Thrombosen u.a.. Das Fortschreiten der Erkrankung und damit eine zunehmende Behinderung kann durch eine Physiotherapie jedoch nicht verhindert werden. Einzelne Übungen sollten nach Anleitung des Patienten täglich selbständig durchgeführt werden. Bei der ALS ist eine schwere behandlungsbedürftige Spastik relativ selten. Ziel der antispastischen Therapie ist eine Symptomkontrolle, also zum Beispiel eine Schmerzreduzierung durch eine Verminderung der erhöhten Muskelspannung bei gleichzeitigem Erhalt eines benötigten Haltetonus um evtl. auch eine funktionelle Verbesserung der Bewegungsmöglichkeit zu erzielen. Eine orale, medikamentöse Behandlung der Spastik kann mit folgenden Medikamenten erfolgen: Tolperison (z.B.Viveo®, Mydocalm®), Baclofen (Lioresal®) und Tizanidin (Sirdalud®). Sie ist jedoch in vielen Fällen problematisch, da häufig hohe Medikamentendosen erforderlich sind, in der Regel eine lokal akzentuierte Symptomatik vorliegt und die Gefahr des Auftretens unerwünschter Arzneimittelwirkungen besteht mit z. B. Müdigkeit, Gleichgewichtsstörung, Taumel, Schwäche u. a. Symptomen. Eine Sprechstörung (Dysarthrie) ist eine weitere typische Symptomatik bei Manifestation des Krankheitsprozesses im sog. bulbären Bereich (s.o.) oder als pseudobulbäre Dysarthrie bei betonter Schädigung des zentralen, ersten Motoneurons (spastische Einflüsse). Eine sprechabhängige Atemnot (belastungsabhängige Dyspnoe) kann ebenfalls vorliegen. Therapie der Wahl ist die logopädische Behandlung, die z. B. in bukkofazialen Übungen sowie Atem- und Sprechübungen zur Nutzung der Restfunktionen des Sprechapparates besteht. Bei manifester Behinderung der Patienten ist die individuell angepasste Versorgung mit Kommunikationshilfen erforderlich. Einfache Schreib- und Buchstabentafeln stellen dabei eine hohe Anforderung an die Funktionalität der Arme. Elektronische Kommunikations- bzw. Steuerungsmittel können an eine weitere Zunahme des Behinderungsgrades im Krankheitsverlauf angepasst werden. Entsprechende Steuerungstechniken ermöglichen sogar eine fortbestehende Steuerung von Prozessen in der unmittelbaren Umwelt des Patienten (Steuerung von Lampen, Fensteröffnung, TV, CD-Spieler, Blattwendegeräte etc.), bei zunehmendem Verlust der Armmotorik auch durch die erhaltene Augenmuskelfunktion. Bei dem Symptom des pathologischen Lachens/Weinens handelt es sich um ein unkontrolliertes Lachen oder Weinen, das situativ und emotional nicht begründet ist. Hierbei handelt es sich um die Folge einer zentralen Schädigung (zentrale Enthemmung, motorische Dysinhibition) und ist Ausdruck des sog. Pseudobulbärsyndroms. In erster Linie müssen hierbei der Patient und sein Umfeld über die Ursache der Beschwerden aufgeklärt werden. Ein medikamentöser Behandlungsversuch kann erfolgen, wenn die Patienten durch die Symptome stark belastet sind. Zur verfügung stehen z. B. die Serotoninwiederaufnahmehemmern Citalopram (Cipramil ®) oder Fluvoxamin (Fevarin®) in hohen Dosierungen. Alternativ ist ein Behandlungsversuch mit L-Dopa (z.B. D: Nacom®, Madopar®) oder Lithium (z.B. Quilonum®) möglich, die Ergebnisse sind jedoch in der Regel schlechter. Respiratorische Insuffizienz Die Schwäche der Atem- und Atemhilfsmuskulatur ist ein regelhaftes Symptom der fortgeschrittener ALS und stellt den begrenzenden Faktor für die Lebenserwartung der Patienten dar. In der Regel kommt es aber nicht zum Ersticken (Sauerstoffmangel) sondern durch eine Hypoventilation zu einer Retention von Kohlendioxid mit entsprechender Bewusstseinstrübung. |
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